In einem aktuellen Video des YouTube-Kanals Chess Dojo wagen vier ausgewiesene Schachexperten ein ebenso unterhaltsames wie ambitioniertes Experiment: Sie ranken ihre persönlichen Top-10 der größten Schachturniere aller Zeiten.
Jeder der vier erstellt zunächst sein eigenes Ranking – mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten: historische Bedeutung, sportliche Qualität, Teilnehmerfeld oder kultureller Einfluss. Aus diesen vier Einzelranglisten wird anschließend der Durchschnitt gebildet, der schließlich das gemeinsame Gesamtranking ergibt.
Das Ergebnis ist keine „offizielle“ Wahrheit, sondern ein spannender Querschnitt aus Erfahrung, Geschmack und Schachgeschichte – und genau deshalb so lesenswert. Im Folgenden findest du die Top 10 der größten Schachturniere aller Zeiten, wie sie sich aus diesem kollektiven Ranking ergeben.
1. Zürich 1953 (Kandidatenturnier)
Dieses Turnier gilt als der „Goldstandard“ der Kandidatenturniere. 15 Spieler traten in 28 Runden gegeneinander an. Wassili Smyslow gewann vor Spielern wie Keres, Bronstein und Reshevsky. Es ist vor allem deshalb legendär, weil David Bronstein darüber eines der am besten bewerteten Schachbücher aller Zeiten schrieb, das Generationen von Spielern prägte.
2. New York 1924
Emanuel Lasker bewies hier im Alter von 55 Jahren seine Klasse, indem er vor dem amtierenden Weltmeister Capablanca und dem zukünftigen Weltmeister Aljechin gewann. Das Turnier ist für die extrem hohe Qualität der Partien bekannt. Aljechins Turnierbuch dazu gilt bis heute als Meisterwerk der Kommentierung.
3. Kandidatenturnier 1959 (Bled, Zagreb, Belgrad)
Michail Tal dominierte dieses Turnier mit seinem opferreichen, riskanten Angriffsstil und sicherte sich den Sieg vor Keres und einem jungen Bobby Fischer. Es markiert den Höhepunkt der „Tal-Ära“ und wird im Video für seine unglaubliche Energie und die vielen spektakulären Partien gelobt.
4. St. Petersburg 1914
Ein historisches Gipfeltreffen der Elite. Nachdem Lasker in der Vorrunde hinter Capablanca lag, startete er im Finale eine fulminante Aufholjagd und gewann. Dieses Turnier wird oft als Geburtsstunde des Titels „Großmeister“ bezeichnet, den der Zar den fünf Finalisten verliehen haben soll.
5. AVRO 1938
In zehn verschiedenen Städten der Niederlande ausgetragen, versammelte dieses Turnier die acht stärksten Spieler der Welt. Es zeigte den Generationswechsel: Die jungen Spieler Paul Keres und Reuben Fine teilten sich den ersten Platz, während die Legenden Capablanca und Lasker sichtlich mit ihrem Alter zu kämpfen hatten.
6. Kandidatenturnier 2013 (London)
Eines der dramatischsten modernen Turniere. Magnus Carlsen und Wladimir Kramnik lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das in einer völlig chaotischen letzten Runde gipfelte, in der beide ihre Partien verloren. Da Carlsen mehr Siege aufwies, gewann er und konnte kurz darauf Weltmeister werden.
7. Hastings 1895
Das Turnier, das die moderne Ära der internationalen Schachturniere begründete. Der damals unbekannte US-Amerikaner Harry Nelson Pillsbury schlug die versammelte Weltspitze (Lasker, Steinitz, Tschigorin). Es war das erste Mal, dass ein Teilnehmerfeld dieser Breite und Stärke in einem Rundenturnier antrat.
8. Den Haag / Moskau 1948
Nach dem Tod von Alexander Aljechin wurde hier der vakante Weltmeistertitel ausgespielt. Michail Botwinnik siegte souverän vor Smyslow, Keres, Reshevsky und Euwe. Dieses Turnier etablierte die Sowjetunion offiziell als die führende Supermacht im Schachsport.
9. London 1851
Das erste internationale Turnier der Geschichte, organisiert von Howard Staunton. Obwohl das Niveau nicht mit späteren Turnieren vergleichbar war, ist es der Ursprung des organisierten Wettbewerbsschachs. Adolf Anderssen gewann und zementierte den Ruf der „Romantischen Schule“.
10. Palma de Mallorca 1970 (Interzonenturnier)
Hier startete Bobby Fischer seinen beispiellosen Durchmarsch zum Weltmeistertitel. Er gewann das Turnier mit 18,5 aus 23 Punkten – ein Vorsprung von 3,5 Punkten auf den zweiten Platz in einem Weltklassefeld. Es gilt als eine der dominantesten Einzelleistungen der Schachgeschichte.
Bemerkenswert: Eine Schacholympiade schaffte es nicht in die Liste der TOP 10. Das Hauptargument war die Schwierigkeit, Team-Events mit Einzelturnieren zu vergleichen, obwohl legendäre Duelle wie Fischer gegen Botwinnik (Leipzig 1960) dort stattfanden.
